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Mittwoch, 20. Oktober 2021

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„Für Mitmenschen über Mauern springen“

Ihr erster Bildungs- und Berufsweg führte sie als Diplomingenieurin (FH) ins Baugewerbe. Seit 2014 ist Mag.a Astrid Körner, Jahrgang 1978, sechsfache Mutter, amtsleitende Pfarrerin in der Evangelischen Kirche Villach-Stadtpark.

Was war ausschlaggebend für diese lebensentscheidende Richtungsänderung?
KÖRNER: Vor allem meine Freude am Menschsein und eine tiefe Dankbarkeit dem Leben gegenüber. In meinem ersten Beruf habe ich mich besonders gerne in der Teamarbeit, im Projekt- und auch im Prozessmanagement sowie in der Projektentwicklung engagiert. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich unglaublich gerne mit Menschen zusammenarbeite, ja, und dass es Spaß macht. Mit 27 Jahren – ich war damals schon zweifache Mutter – habe ich mich dann entschieden, evangelische Theologie zu studieren, und zwar mit dem ganz klaren Ziel: Ich will Pfarrerin werden. Ich wollte also genau dieses Menschliche als Kern meiner Tätigkeit sehen, und ich möchte im Dienst der Menschlichkeit, der Mitmenschlichkeit, der Solidarität und auch der großen Visionen für eine Welt, die im Miteinander funktioniert, arbeiten.

„BEREIT, ÜBER MAUERN ZU SPRINGEN“
Worin liegen in der Pfarrgemeinde Villach-Stadtpark Ihre Tätigkeitsschwerpunkte?
Einer meiner Arbeitsschwerpunkte ist sicher das vernetzende Wirken, auch auf übergemeindlicher Ebene. Inhaltlich engagiere ich mich dabei ganz besonders für diakonische und gesellschaftspolitische Themen. Für Menschen auf der Flucht und Menschen ohne festen Wohnsitz bin ich bereit, über Mauern zu springen.

DISTANZ, ISOLATION, MISSTRAUEN
Corona hat vieles teils radikal verändert. Wie stehen Sie zu Online-Gottesdiensten?
Kirche lebt ja eine Grundhaltung zum Mitmenschen, die geprägt ist von Nähe, Berührung, Vertrauen und Begegnung. Corona hat uns als Gesellschaft genau das Gegenteil abverlangt. Da waren plötzlich Distanz, Isolation und Misstrauen. Wir waren geforderter denn je, weil die Kirche ganz besonders den Menschen in Not zur Seite steht und auch in Krisenzeiten ganz für sie da sein sollte. Hier haben sich massive Grenzen aufgetan. Die digitale Kirche war ein Versuch, einen Brückenschlag zu machen, doch Gottesdienste kann man nicht wirklich über Bildschirme und Tontechnik einfangen.

Was liegt Ihnen für die Zukunft Ihrer Kirche besonders am Herzen?
Die Ängste und Zwänge sind andere als noch vor 500 Jahren. Heute leben wir im Leistungsdenken. Bei dem stark ausgeprägten Individualismus sind solidarische Grundhaltungen nicht mehr so selbstverständlich. Die Kirche könnte hier einen wirklich heilsamen Raum der unverzweckten Seinshaltung aufmachen. Und der unbedrohten Räume, in der jede und jeder Wert und Würde hat.

„VIELE KINDER SPRENGEN DIE MACHT…“
Der Trend geht allgemein zur Ein-Kind-Familie. Sie haben sechs Kindern das Leben geschenkt. Was hat für Sie eine Großfamilie, das eine kleine nicht hat?
Für mich war der Begriff „Familie“ immer an das Bild gebunden, dass die Kinder in der Überzahl sind. Das sprengt die Macht der Eltern. Und es hat sich in meinem Leben bewahrheitet: Wo viele Kinder sind, da geben sie den Ton an, und eine Großfamilie ist ein Leib mit vielen wärmenden Kräften in einem tragenden Netz. Hinter der Tatsache, dass ich sechs Kinder habe, steckt natürlich kein ideologisches Konzept. Das hat sich einfach ergeben – aufgrund der Möglichkeiten, die mir mein Leben geschenkt hat. Und ich bin dankbar dafür.

„Aus tiefster Überzeugung sage ich, dass kein Menschenleben zum Spielball der Politik werden darf.“
Pfarrerin Astrid Körner,
Evangelische Kirche Villach-Stadtpark

„WORK-LIFE-BALANCE – EIN UNBEGRIFF“
Beruf und Familie sind für Sie vereinbar. Wie schaffen Sie das?
„Vereinbar“ halte ich für ein wichtiges Wort, weil darin angelegt ist, dass es eigentlich „eins“ ist, dass es „ein“ Leben sein sollte. Das gelingt mir in meinem Beruf und mit meiner Familie sehr, sehr gut. Es gibt ja diese Work-Life-Balance. Das halte ich für einen Unbegriff. Es unterscheidet die Arbeit vom Leben, was eigentlich eins sein sollte. Dafür bräuchte es aber eine gesellschaftliche Bewusstseinsschärfung und sozialpolitische, arbeitsrechtliche Bemühungen. Der Beruf sollte nicht als Feld der Erschöpfung und die Freizeit nicht allein zum Krafttanken betrachtet werden. Es geht um die Schaffung von Rahmenbedingungen, um aus beidem Kraft schöpfen und Ventile der Entspannung finden zu können.

GLEICHGESCHLECHTLICHE PAARE
Homosexualität, gleichgeschlechtliche Paare oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften werden innerhalb des Christentums unterschiedlich gesehen. Welche Auffassung vertritt die Evangelische Kirche dazu?
Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren sind in der evangelischen Kirche den Segnungen heterosexueller Paare gleichgestellt. Es leben in den evangelischen Pfarrhäusern auch verheiratete oder verpartnerte homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen. Und das ist gut so.

„DARF KEIN SPIELBALL DER POLITIK SEIN“
Jesus war bekanntlich ein Flüchtlingskind. Wie sehen Sie die Flüchtlingspolitik beziehungsweise -problematik hierzulande?
Politik sollte und muss im weitesten Sinne immer die Gestaltung eines Zusammenlebens als Vision vor Augen haben, lokal genauso wie global. Ich brauche dafür gar nicht den Flüchtlingshintergrund des göttlichen Heilandes. Aus tiefster Überzeugung sage ich, dass kein Menschenleben zum Spielball der Politik werden darf. Die Flüchtlingspolitik hierzulande betrachte ich mit größter Sorge als unmenschlich.

Dramatisch zunehmende Armutsgefährdung, ungleiche Verteilung der Lebensgrundlagen, Völkerwanderungen, Asylfrage – was würde heute Luther dazu sagen?
Das weiß ich nicht. Aber es wäre fatal, politische Ansichten aus einem anderen Geschichtszusammenhang in die heutige Zeit zu verlängern. Schon damals waren viele Positionen von Martin Luther zu hinterfragen und auch zu verwerfen. Er ist für uns ja auch keine Gründergestalt, sondern für viele Entscheidungen ein Impulsgeber, unter anderem für den Begriff des Gewissens als tragende Autorität verbunden mit dem wichtigen Begriffspaar Freiheit und Verantwortung.

„DA SPIELT SICH DAS LEBEN AB“
Was hat Ihnen zuletzt Sorgen bereitet oder traurig gemacht – was hat Sie erfreut?
Traurig macht mich, dass Menschen, die keine Heimat mehr haben und eigentlich nichts anderes wollen, als eine Chance auf ein gutes Leben, so wenig Annahme finden. Was mich freut, sind eigentlich ganz kleine Dinge im Alltag: Die liebevolle Zuwendung meiner großen Kinder zu den kleinen, ein sonniger Frühlingstag im Garten oder auch einmal ein wohltuendes Gespräch zwischen Tür und Angel. Die Zwischenräume im Leben sind für mich ganz wesentlich. Das spielt sich das Leben ab..

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