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Sonntag, 19. Mai 2024

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Wildbiologe Paolo Molinari über Luchs, Bär und Wolf

Großraubtiere vor unserer Haustür – ein Thema, das niemanden kalt lässt. Bär, Wolf, Luchs, ­Goldschakal, Wildkatze, Biber kreuzen oft plötzlich unsere Wege. Der bekannte Tarviser Wildbiologe Paolo Molinari wünscht sich eine intensivere Zusammenarbeit mit Kärnten.

Welche Maßnahmen sollten getroffen werden, um die Luchspopulation im Alpen-Adria-Raum zu erhalten?
Luchse, die zur heimischen Tierwelt gehören – wir sagen „autochthone Fauna“ – sind ja im letzten Jahrhundert ausgestorben. Sie sind im Gegensatz zu den Wölfen sehr schwierige Wildtiere, weil sie ihre Ursprungspopulation kaum verlassen. Einige Länder Europas, besonders die Alpenländer, haben sich jedoch dazu entschlossen, diese Art wieder der heimischen Fauna zurückzuführen. Das sind herausfordernde Projekte. Ein erster, mit Problemen behafteter Versuch wurde in den Siebzigerjahren gestartet. Aktuell sind wir jetzt in Phase zwei. Jetzt geht es darum, die Luchse – bei den Gründertieren kam es zu Inzuchtproblemen – genetisch aufzufrischen.

„DER LUCHS IST DIE EINFACHSTE ART“
Ist aus Ihrer Sicht eine Koexistenz zwischen Menschen und Großraubtieren wie Luchs, Bär, Wolf möglich – wenn ja, welche Kriterien müssten dabei zum Tragen kommen?
Eine einfache Frage – ein komplexes Problem. Bären sind eher friedliche Tiere, die in ihrem Lebensraum eine wertvolle ökologische Funktion erfüllen, aber für den Menschen mitunter potentiell gefährlich werden können. Wölfe sind für die Ökologie genauso wichtig, aber sie reißen neben Wildtieren – ein riesiges Konfliktpotential – auch Haustiere. Dort jedoch, wo die Haustierhaltung gering ist und der Wolf viel Raum vorfindet, sind die Probleme natürlich geringer. Der Luchs, für den Menschen ungefährlich, ist in dieser Hinsicht die einfachste Art. Er reißt extrem selten Haustiere, erfüllt jedoch als Regulator für andere Wildtierpopulationen wie das Schalenwild eine enorm wichtige Funktion.

EIN TRITTSTEIN ÜBERS DREILÄNDERECK
Anfang März wurden im Bereich Tarvis zwei Luchse aus der Schweiz ausgewildert. Welche Ziele sind damit verbunden?
Ziel ist es, den Luchsen eine neue Zukunft zu schenken. Mit der Auswilderung soll über das Dreiländereck sozusagen ein Trittstein gebildet werden, damit sich die Luchse von hier aus mit der slowenischen Population verbinden und sich dadurch ein größeres Vorkommen entwickelt. Die Carabinieri Forestale, also die italienischen Bundesforstpolizei, spielen hier eine vorbildliche Rolle.
Vor kurzem wurde im Drautal in Kärnten ein in den Julischen Alpen ausgesetzter Luchs fotografiert. Was bedeutet dies für die lokale Kärntner Fauna?
Das ist eines der beiden Luchsweibchen, die wir ausgewildert haben. Sie wandern dorthin, wo es ihnen am besten passt. Das ist für die lokale Kärntner Fauna eine große Bereicherung, weil Luchse für die Wildtiere ein äußerst wichtiger Regulator sind.

„WIR KENNEN IHRE AUFENTHALTSORTE“
Können diese beiden Luchse beobachtet beziehungsweise überwacht werden?
Ja, natürlich. Ein modernes Senderhalsband liefert uns permanent ihre GPS-Daten. So erkennen wir jederzeit ihren aktuellen Aufenthaltsort, erfahren aber auch einiges über ihre Vitalität und erkennen auch mögliche Stress-Situationen.

„IN DER NATUR NICHTS VERLOREN“
Im Trentino hat eine Problembärin einen Jogger tödlich verletzt. Mittlerweile konnte das Tier eingefangen werden. Es wird seine Tötung gefordert. Tierschützer laufen dagegen Sturm. Was soll nun aus Ihrer Sicht mit der Bärin passieren?
Aus meiner Sicht sollte diese Bärin unbedingt eingeschläfert werden. Für die Empfindlichkeit von Tierschutzorganisationen, die sie retten wollen, kann ich hier kein Verständnis aufbringen. Es handelt sich um ein absolutes Problemtier, das in unserem Umfeld nichts verloren hat. Auch ein Wegsperren in ein Gatter wäre keine Lösung, weil damit dem Tier über viele Jahre ein großes Leid zugefügt wird.

Jetzt geht es darum, die Luchse genetisch aufzufrischen. Damit soll eine neue Vitalität erreicht werden.

Wildbiologe Paolo Molinari

„EINE GESELLSCHAFTLICHE ENTSCHEIDUNG“
Der Wolf ist in Kärnten ein Dauerthema. Wie könnte aus Ihrer Sicht eine Lösung des Wolfsproblems aussehen?
Der Wolf ist als Art gesichert, es geht ihm gut. Seine Zahl nimmt zu und damit auch das Konfliktpotential. Das wissen wir. Es gibt präventive Maßnahmen, die mit der Landwirtschaft getroffen werden können, doch eine Dauerlösung wird es nicht geben. Schäden können verringert werden. Die Frage ist: Wollen wir eine Natur mit biologischer Vielfalt oder nicht? Das ist letztendlich eine gesellschaftliche Entscheidung.
Glauben Sie, dass der Abschuss – wie es in Kärnten praktiziert wird – einzelner so genannter Problemwölfe zielführend ist?

Das glaube ich nicht. Wölfe kann man zwar gezielt regulieren, doch wer definiert, wer tatsächlich ein Problemwolf ist? Irgendein ein Tier zu erlegen, in der Annahme, dass es ein Problemwolf ist, kann nicht zielführend sein.

„BEREITSCHAFT LIESS NACH“
Was das Raubwild betrifft, sind die Gesetzeslagen in Italien, Slowenien und Kärnten unterschiedlich. Was bedeutet dies für die Populationen?
Wegen der unterschiedlichen Gesetze – hier ist auch die EU gefordert – ist es für uns Wildbiologen teils sehr schwierig, für die Erhaltung der Populationen entsprechende Managementmaßnahmen zu treffen. Gerade was den Wolf betrifft, könnte es im Bereich Kärnten, Slowenien und Friaul unterschiedlicher nicht sein. Es macht Sinn, intensiv zu kooperieren. Vor rund 20 Jahren wurde die Zusammenarbeit über ein grenzüberschreitendes Monitoring-Projekt mit der Kärntner Jägerschaft, den Bezirken Villach und Hermagor mit großem Erfolg gestartet. In der Folge war dann die Kooperationsbereitschaft auf Kärntner Seite nicht mehr im gewünschten Ausmaß vorhanden. Hingegen konnte die Zusammenarbeit zwischen Italien und Slowenien intensiviert werden. Wir hoffen, dass auch die Kärntner bald wieder mit im Boot sind.

EUROPÄISCHE SERENGETI
Haben diese Großraubtiere im Dreiländerbereich eine Zukunft?
Absolut! Da fallen mir die Worte eines leitenden Ministeriumsbeamten in Rom ein: Wir sind das europäische Serengeti. Wir befinden uns biogeografisch am Ende der Südostalpen, am Beginn des Dinarischen Gebirges. Hier treffen die Karnischen und Julischen Alpen sowie die Karawanken zusammen. Wir liegen an einer der wichtigsten Wasserscheiden Europas. Die Drau entwässert ins Schwarze Meer, der Tagliamento in die Adria. Hier geht wildbiologisch was ab, wir haben Bären, Wölfe, Luchse, Goldschakale, Wildkatzen, Fischotter, Biber – das ist ein europäisches Unikum!

Wollen wir eine Natur mit biologischer Vielfalt oder nicht?

Paolo Molinari zur Wolfsproblematik

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Welche Maßnahmen sollten getroffen werden, um die Luchspopulation im Alpen-Adria-Raum zu erhalten?
Luchse, die zur heimischen Tierwelt gehören – wir sagen „autochthone Fauna“ – sind ja im letzten Jahrhundert ausgestorben. Sie sind im Gegensatz zu den Wölfen sehr schwierige Wildtiere, weil sie ihre Ursprungspopulation kaum verlassen. Einige Länder Europas, besonders die Alpenländer, haben sich jedoch dazu entschlossen, diese Art wieder der heimischen Fauna zurückzuführen. Das sind herausfordernde Projekte. Ein erster, mit Problemen behafteter Versuch wurde in den Siebzigerjahren gestartet. Aktuell sind wir jetzt in Phase zwei. Jetzt geht es darum, die Luchse – bei den Gründertieren kam es zu Inzuchtproblemen – genetisch aufzufrischen.

„DER LUCHS IST DIE EINFACHSTE ART“
Ist aus Ihrer Sicht eine Koexistenz zwischen Menschen und Großraubtieren wie Luchs, Bär, Wolf möglich – wenn ja, welche Kriterien müssten dabei zum Tragen kommen?
Eine einfache Frage – ein komplexes Problem. Bären sind eher friedliche Tiere, die in ihrem Lebensraum eine wertvolle ökologische Funktion erfüllen, aber für den Menschen mitunter potentiell gefährlich werden können. Wölfe sind für die Ökologie genauso wichtig, aber sie reißen neben Wildtieren – ein riesiges Konfliktpotential – auch Haustiere. Dort jedoch, wo die Haustierhaltung gering ist und der Wolf viel Raum vorfindet, sind die Probleme natürlich geringer. Der Luchs, für den Menschen ungefährlich, ist in dieser Hinsicht die einfachste Art. Er reißt extrem selten Haustiere, erfüllt jedoch als Regulator für andere Wildtierpopulationen wie das Schalenwild eine enorm wichtige Funktion.

EIN TRITTSTEIN ÜBERS DREILÄNDERECK
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Das ist eines der beiden Luchsweibchen, die wir ausgewildert haben. Sie wandern dorthin, wo es ihnen am besten passt. Das ist für die lokale Kärntner Fauna eine große Bereicherung, weil Luchse für die Wildtiere ein äußerst wichtiger Regulator sind.

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Können diese beiden Luchse beobachtet beziehungsweise überwacht werden?
Ja, natürlich. Ein modernes Senderhalsband liefert uns permanent ihre GPS-Daten. So erkennen wir jederzeit ihren aktuellen Aufenthaltsort, erfahren aber auch einiges über ihre Vitalität und erkennen auch mögliche Stress-Situationen.

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Der Wolf ist als Art gesichert, es geht ihm gut. Seine Zahl nimmt zu und damit auch das Konfliktpotential. Das wissen wir. Es gibt präventive Maßnahmen, die mit der Landwirtschaft getroffen werden können, doch eine Dauerlösung wird es nicht geben. Schäden können verringert werden. Die Frage ist: Wollen wir eine Natur mit biologischer Vielfalt oder nicht? Das ist letztendlich eine gesellschaftliche Entscheidung.
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Das glaube ich nicht. Wölfe kann man zwar gezielt regulieren, doch wer definiert, wer tatsächlich ein Problemwolf ist? Irgendein ein Tier zu erlegen, in der Annahme, dass es ein Problemwolf ist, kann nicht zielführend sein.

„BEREITSCHAFT LIESS NACH“
Was das Raubwild betrifft, sind die Gesetzeslagen in Italien, Slowenien und Kärnten unterschiedlich. Was bedeutet dies für die Populationen?
Wegen der unterschiedlichen Gesetze – hier ist auch die EU gefordert – ist es für uns Wildbiologen teils sehr schwierig, für die Erhaltung der Populationen entsprechende Managementmaßnahmen zu treffen. Gerade was den Wolf betrifft, könnte es im Bereich Kärnten, Slowenien und Friaul unterschiedlicher nicht sein. Es macht Sinn, intensiv zu kooperieren. Vor rund 20 Jahren wurde die Zusammenarbeit über ein grenzüberschreitendes Monitoring-Projekt mit der Kärntner Jägerschaft, den Bezirken Villach und Hermagor mit großem Erfolg gestartet. In der Folge war dann die Kooperationsbereitschaft auf Kärntner Seite nicht mehr im gewünschten Ausmaß vorhanden. Hingegen konnte die Zusammenarbeit zwischen Italien und Slowenien intensiviert werden. Wir hoffen, dass auch die Kärntner bald wieder mit im Boot sind.

EUROPÄISCHE SERENGETI
Haben diese Großraubtiere im Dreiländerbereich eine Zukunft?
Absolut! Da fallen mir die Worte eines leitenden Ministeriumsbeamten in Rom ein: Wir sind das europäische Serengeti. Wir befinden uns biogeografisch am Ende der Südostalpen, am Beginn des Dinarischen Gebirges. Hier treffen die Karnischen und Julischen Alpen sowie die Karawanken zusammen. Wir liegen an einer der wichtigsten Wasserscheiden Europas. Die Drau entwässert ins Schwarze Meer, der Tagliamento in die Adria. Hier geht wildbiologisch was ab, wir haben Bären, Wölfe, Luchse, Goldschakale, Wildkatzen, Fischotter, Biber – das ist ein europäisches Unikum!

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