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Donnerstag, 13. Juni 2024

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Panem et circenses

Meine eigene Fußballkarriere war ja eher überschaubar. Zwischen Ersatzbankwärmen und aufgrund von Spielermangel unvermeidbarer Einwechslungen in der Reserve der untersten Spielklasse sind meine Höhepunkte als Kicker recht schnell erzählt. Dementsprechend kurz dauerte meine aktive Laufbahn, und ich widmete mich lieber anderen Dingen im Leben.

Etwa dem Wurlitzer in meiner Stammkneipe oder Road Trips quer über den Kontinent. Unterwegs, im Zug oder per Anhalter, durfte ich Europa von einer anderen Seite kennen lernen. Von der erlebten, nicht von der abstrakten, von Landkarten und TV-Nachrichten geprägten, Sicht. Über die Zeit habe ich so die Länder aller Fußball-Europameister der letzten 40 Jahre bereist.

Als Angelos Charisteas damals hochstieg, um den entscheidenden Kopfball im Netz der Portugiesen zu versenken, war ich gerade mit Michalis auf einem Fischerboot und zog Doraden aus dem Ikarischen Meer. Als dann Spanien 2008 die Deutschen auf die Plätze verwies, sang ich in einem kleinen baskischen Dorf Lieder mit Pedro, und als la Furia Roja vier Jahre später Italien vom Platz fegte, teilte ich mit Salvatore in Neapel die bittere Dramatik, mit der Niederlagen im Land des Stiefels zelebriert werden. Fußball kann eben beinhart sein. Und dennoch verbindet er – über Sprachen und Kulturen hinweg.

Doch wenn am 14. Juni das Eröffnungsspiel der EM angepfiffen wird, wird sich meine Jubelstimmung in Grenzen halten. Denn auch die Europawahlen werden dann geschlagen sein und mit großer Wahrscheinlichkeit der spaltende nationale Egoismus ein wenig stärker. Und ich werde mich daran zurückerinnern, was Julien damals bei jenem Rave in der Brüsseler Vorstadt zu mir gesagt hat: „Brot und Spiele für die Welt, aber Kuchen für mich!“


Simon Martinschitz MA
Agentur für Kommunikation & Text
www.martinschitz.at

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Meine eigene Fußballkarriere war ja eher überschaubar. Zwischen Ersatzbankwärmen und aufgrund von Spielermangel unvermeidbarer Einwechslungen in der Reserve der untersten Spielklasse sind meine Höhepunkte als Kicker recht schnell erzählt. Dementsprechend kurz dauerte meine aktive Laufbahn, und ich widmete mich lieber anderen Dingen im Leben.

Etwa dem Wurlitzer in meiner Stammkneipe oder Road Trips quer über den Kontinent. Unterwegs, im Zug oder per Anhalter, durfte ich Europa von einer anderen Seite kennen lernen. Von der erlebten, nicht von der abstrakten, von Landkarten und TV-Nachrichten geprägten, Sicht. Über die Zeit habe ich so die Länder aller Fußball-Europameister der letzten 40 Jahre bereist.

Als Angelos Charisteas damals hochstieg, um den entscheidenden Kopfball im Netz der Portugiesen zu versenken, war ich gerade mit Michalis auf einem Fischerboot und zog Doraden aus dem Ikarischen Meer. Als dann Spanien 2008 die Deutschen auf die Plätze verwies, sang ich in einem kleinen baskischen Dorf Lieder mit Pedro, und als la Furia Roja vier Jahre später Italien vom Platz fegte, teilte ich mit Salvatore in Neapel die bittere Dramatik, mit der Niederlagen im Land des Stiefels zelebriert werden. Fußball kann eben beinhart sein. Und dennoch verbindet er – über Sprachen und Kulturen hinweg.

Doch wenn am 14. Juni das Eröffnungsspiel der EM angepfiffen wird, wird sich meine Jubelstimmung in Grenzen halten. Denn auch die Europawahlen werden dann geschlagen sein und mit großer Wahrscheinlichkeit der spaltende nationale Egoismus ein wenig stärker. Und ich werde mich daran zurückerinnern, was Julien damals bei jenem Rave in der Brüsseler Vorstadt zu mir gesagt hat: „Brot und Spiele für die Welt, aber Kuchen für mich!“


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