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Sonntag, 19. Mai 2024

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„Die Befehlsgewalt muss beim Menschen bleiben“

Die neue Großkaserne, Aufrüstung, Bedrohungslagen, der Krieg in der Ukraine, Künstliche Intelligenz: Im Gespräch mit Brigadier Philipp Eder, seit Anfang September Kärntens neuer Militärkommandant.

Aus drei wird eins – welche Bedeutung hat die neue Großkaserne in Villach für unser Heer, speziell für die in Kärnten stationierten Einheiten?
EDER: Eine sehr hohe, weil die drei Kasernen schon etwas in die Jahre gekommen sind und eine neue Infrastruktur auch eine gewisse Aufbruchsstimmung mit sich bringt. Die Großkaserne wird nicht nur dem neuesten Stand militärischer Erkenntnisse und als Unterstellplatz für modernes Gerät, das kommen soll, entsprechen, sondern auch für die Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien – wie jetzt schon – ein adäquater Wohnraum sein. Dazu kommen Räumlichkeiten für spezielle Übungen und den Sport.

Aus strategischer Sicht, um gegen künftige Bedrohungen ­gewappnet zu sein – in welche Richtung soll unser Heer investieren?
Wie wir an den neuen Krisenherden sehen, können wir uns nicht darauf verlassen, dass alles so bleiben wird, wie es ist. Wenn wir auf irgendeine Weise überrascht werden, müssen wir uns zu Recht den Vorwurf gefallen lassen: Warum seid ihr nicht einsatzbereit? Wir müssen also die Landesverteidigung weiterdenken. Was den Luftraum betrifft, da sind wir noch zu sehr an die Nachbarschaft gebunden. Fehlgeleitete Drohnen, wie die in Kroatien oder Polen niedergegangen sind, können auch uns treffen. Dazu kommt der Cyber-Raum, in dem über Hacker viel Kriminelles und auch Spionage passiert. Auch hier haben wir Handlungsbedarf.

„… NOCH VIEL LUFT NACH OBEN“
Wie sehen Sie unser Heer im Vergleich mit anderen?
Im Auslandseinsatz stehen wir vergleichsweise gut da. Wir rüsten unsere Soldaten mit dem Besten aus, das wir haben, oder am Markt für sie verfügbar ist. Hier reden wir von maximal 1500 Soldatinnen und Soldaten. Als mobil gemachtes Heer mit den Milizsoldaten haben wir aber insgesamt jedoch 55.000. Da schaut es nicht mehr so gut aus, da haben wir noch sehr viel Luft nach oben.

„DERZEIT KEINE BEREITSCHAFT DAZU“
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine: Was müsste passieren, damit dieser Wahnsinn mitten in Europa beendet werden kann?
Das Beste wäre, wenn der russische Präsident – was er aber nicht machen wird – erkennt, dass er eigentlich seinem Land insgesamt sehr schadet, auch wenn nach einem Waffenstillstand vielleicht Teile der Ukraine abgespalten werden sollten. Der Schaden, den Russland für sich wirtschaftlich, strategisch und in den Beziehungen zu den Nachbarn angerichtet hat, wird kaum noch gut zu machen sein. Es muss einfach darauf geschaut werden, dass die Ukraine in der Lage ist, ihre territoriale Integrität wieder herzustellen. Das wird irgendeinmal über Verhandlungen gelingen. Allerdings zeigen derzeit beide Seiten keine Bereitschaft dazu.

Angesichts neuer Bedrohungslagen – welche Heeresbereiche sollten besonders aufgerüstet werden?
Eigentlich alle, weil wir überall einen riesigen Nachholbedarf haben. Der Cyber-Bereich für die elektronische Kampfführung ganz besonders, weil es gibt heute auf dem Gefechtsfeld kein Fahrzeug, kein Geschütz und keine Soldaten mehr, die nicht irgendwie mit dem Netz verbunden sind. Wie in der Gesellschaft, haben wir die Vernetztheit natürlich auch beim Heer, im Datenaustausch zwischen den Waffensystemen – das beginnt bei der Luftwaffe und reicht eben bis zum Einzelschützen. Mit dem Aufbauplan ÖBH 2032+, ein Qualitätsschritt, der gerade finalisiert wird, setzen wir sehr starke Investitionsschritte. Weitere, noch ausbaufähige Schwergewichte sind die strategische Aufklärungsfähigkeit und die Luftabwehr, die in den vergangenen 30 Jahren heruntergefahren wurde.

WURZELN IN TREFFEN
Ihr Großvater, General Albert Bach, stammte aus Treffen bei Villach. Was verbinden Sie mit ihm und Treffen?
Sehr viel, nachdem ich ja sein einziges Enkelkind war. Ich habe sehr viel Zeit mit ihm verbracht, im Sommer war ich immer bei ihm. Das Elternhaus meiner Mutter väterlicherseits und der Grundner-Hof sind immer noch im Besitz unserer Familie. Wiener Neustadt war 1944 extrem vom Luftkrieg betroffen. Meine Mutter, ihre Schwester und Oma sind deshalb nach Treffen gezogen und haben hier den Weltkrieg überdauert.

MEHR FRAUEN ZUM HEER
Wie hoch ist aktuell prozentual der Frauenanteil, könnte unser Heer noch mehr Frauen brauchen?
Absolut, ja. Bei den uniformierten Damen halten wir derzeit bei etwa vier Prozent. Wir müssen deshalb schauen, dass die Damen beim Heer etwas Alltägliches werden. Dort, wo sich Frauen etabliert haben, etwa im medizinischen Bereich, sind wir viel besser geworden. Faktum ist aber, dass Frauen beim Heer alles erreichen können. Sie können Jet- und Hubschrauberpilotinnen werden oder auch das Jagdkommando absolvieren. Es gibt schon eine Generalin.

Kommt beim Heer auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz?
Ja, natürlich. Dort, wo es geht, wo es Computer gegen Computer geht, da kann man sehr gut mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Gerade im Cyber-Bereich, in der Luft- und Raketenabwehr sind die Abläufe rasend schnell. Doch wenn es gegen Menschen gehen sollte, wollen wir, dass die Befehlsgewalt beim Menschen bleibt. Das vernimmt man auch von den Streitkräften anderer Länder. Im Gegensatz zu Kriminaltätern müssen wir uns an die rechtlichen Vorgaben halten.

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EDER: Eine sehr hohe, weil die drei Kasernen schon etwas in die Jahre gekommen sind und eine neue Infrastruktur auch eine gewisse Aufbruchsstimmung mit sich bringt. Die Großkaserne wird nicht nur dem neuesten Stand militärischer Erkenntnisse und als Unterstellplatz für modernes Gerät, das kommen soll, entsprechen, sondern auch für die Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien – wie jetzt schon – ein adäquater Wohnraum sein. Dazu kommen Räumlichkeiten für spezielle Übungen und den Sport.

Aus strategischer Sicht, um gegen künftige Bedrohungen ­gewappnet zu sein – in welche Richtung soll unser Heer investieren?
Wie wir an den neuen Krisenherden sehen, können wir uns nicht darauf verlassen, dass alles so bleiben wird, wie es ist. Wenn wir auf irgendeine Weise überrascht werden, müssen wir uns zu Recht den Vorwurf gefallen lassen: Warum seid ihr nicht einsatzbereit? Wir müssen also die Landesverteidigung weiterdenken. Was den Luftraum betrifft, da sind wir noch zu sehr an die Nachbarschaft gebunden. Fehlgeleitete Drohnen, wie die in Kroatien oder Polen niedergegangen sind, können auch uns treffen. Dazu kommt der Cyber-Raum, in dem über Hacker viel Kriminelles und auch Spionage passiert. Auch hier haben wir Handlungsbedarf.

„… NOCH VIEL LUFT NACH OBEN“
Wie sehen Sie unser Heer im Vergleich mit anderen?
Im Auslandseinsatz stehen wir vergleichsweise gut da. Wir rüsten unsere Soldaten mit dem Besten aus, das wir haben, oder am Markt für sie verfügbar ist. Hier reden wir von maximal 1500 Soldatinnen und Soldaten. Als mobil gemachtes Heer mit den Milizsoldaten haben wir aber insgesamt jedoch 55.000. Da schaut es nicht mehr so gut aus, da haben wir noch sehr viel Luft nach oben.

„DERZEIT KEINE BEREITSCHAFT DAZU“
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine: Was müsste passieren, damit dieser Wahnsinn mitten in Europa beendet werden kann?
Das Beste wäre, wenn der russische Präsident – was er aber nicht machen wird – erkennt, dass er eigentlich seinem Land insgesamt sehr schadet, auch wenn nach einem Waffenstillstand vielleicht Teile der Ukraine abgespalten werden sollten. Der Schaden, den Russland für sich wirtschaftlich, strategisch und in den Beziehungen zu den Nachbarn angerichtet hat, wird kaum noch gut zu machen sein. Es muss einfach darauf geschaut werden, dass die Ukraine in der Lage ist, ihre territoriale Integrität wieder herzustellen. Das wird irgendeinmal über Verhandlungen gelingen. Allerdings zeigen derzeit beide Seiten keine Bereitschaft dazu.

Angesichts neuer Bedrohungslagen – welche Heeresbereiche sollten besonders aufgerüstet werden?
Eigentlich alle, weil wir überall einen riesigen Nachholbedarf haben. Der Cyber-Bereich für die elektronische Kampfführung ganz besonders, weil es gibt heute auf dem Gefechtsfeld kein Fahrzeug, kein Geschütz und keine Soldaten mehr, die nicht irgendwie mit dem Netz verbunden sind. Wie in der Gesellschaft, haben wir die Vernetztheit natürlich auch beim Heer, im Datenaustausch zwischen den Waffensystemen – das beginnt bei der Luftwaffe und reicht eben bis zum Einzelschützen. Mit dem Aufbauplan ÖBH 2032+, ein Qualitätsschritt, der gerade finalisiert wird, setzen wir sehr starke Investitionsschritte. Weitere, noch ausbaufähige Schwergewichte sind die strategische Aufklärungsfähigkeit und die Luftabwehr, die in den vergangenen 30 Jahren heruntergefahren wurde.

WURZELN IN TREFFEN
Ihr Großvater, General Albert Bach, stammte aus Treffen bei Villach. Was verbinden Sie mit ihm und Treffen?
Sehr viel, nachdem ich ja sein einziges Enkelkind war. Ich habe sehr viel Zeit mit ihm verbracht, im Sommer war ich immer bei ihm. Das Elternhaus meiner Mutter väterlicherseits und der Grundner-Hof sind immer noch im Besitz unserer Familie. Wiener Neustadt war 1944 extrem vom Luftkrieg betroffen. Meine Mutter, ihre Schwester und Oma sind deshalb nach Treffen gezogen und haben hier den Weltkrieg überdauert.

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Wie hoch ist aktuell prozentual der Frauenanteil, könnte unser Heer noch mehr Frauen brauchen?
Absolut, ja. Bei den uniformierten Damen halten wir derzeit bei etwa vier Prozent. Wir müssen deshalb schauen, dass die Damen beim Heer etwas Alltägliches werden. Dort, wo sich Frauen etabliert haben, etwa im medizinischen Bereich, sind wir viel besser geworden. Faktum ist aber, dass Frauen beim Heer alles erreichen können. Sie können Jet- und Hubschrauberpilotinnen werden oder auch das Jagdkommando absolvieren. Es gibt schon eine Generalin.

Kommt beim Heer auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz?
Ja, natürlich. Dort, wo es geht, wo es Computer gegen Computer geht, da kann man sehr gut mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Gerade im Cyber-Bereich, in der Luft- und Raketenabwehr sind die Abläufe rasend schnell. Doch wenn es gegen Menschen gehen sollte, wollen wir, dass die Befehlsgewalt beim Menschen bleibt. Das vernimmt man auch von den Streitkräften anderer Länder. Im Gegensatz zu Kriminaltätern müssen wir uns an die rechtlichen Vorgaben halten.

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