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Montag, 14. Juni 2021

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„Brauchen Politik, die sich am Gemeinwohl orientiert“

Von der Corona-Krise sind alle betroffen, die ohnehin schon Benachteiligten noch wesentlich stärker. Die Caritas Kärnten steht vor größten Herausforderungen. Im Gespräch mit Direktor Mag. Ernst Sandriesser.

Herr Sandriesser, Sie mussten nach Ihrem Antritt im Februar 2020 als Direktor der Caritas Kärnten gleich eines der denkbar schwierigsten Jahre bewältigen. Was waren die größten Herausforderungen?
SANDRIESSER: Die Caritas Kärnten führt Pflegewohnhäuser, Wohnhäuser und Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Kindergärten, Beratungsstellen, Shops, ein Restaurant mit vielen Ausbildungsplätzen und vieles mehr. Wir standen vor den gleich schweren Herausforderungen und Einschränkungen wie alle anderen Unternehmen, und gleichzeitig lief die Hilfe für Menschen in Not auf Hochtouren.

Wie werden Ihre vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen Betreuungsbereichen der Caritas mit den massiven Einschränkungen und Lockdowns fertig?
Ich bin beeindruckt, wie krisenfest unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Ein persönliches Fundament im Leben ist dafür Vorrausetzung. Vielen gibt auch der Glaube große Kraft.

„WIR BEFÜRCHTEN EINE ZUNAHME“
Viele Menschen im Lande sind von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen. Wie sehr ist die Armut gestiegen?
Wir haben aktuell zirka 94.000 Menschen in Kärnten, die armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind, darunter viele Kinder und auch ältere Menschen. Aufgrund der konjunkturellen Lage befürchten wir eine weitere Zunahme.

Was sind die unmittelbaren Folgen der Verarmung?
Neben der unmittelbar existenziellen Bedrohung leben armutsbetroffene Menschen zunehmend einsam und zurückgezogen und nachweislich weniger gesund. Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten sind überdurchschnittlich bildungsbenachteiligt und haben damit schlechtere Startbedingungen fürs Leben.

„WIR SCHÜTZEN UND VERTEILEN“
Welche Möglichkeiten bieten sich der Caritas, den Auswirkungen der Krise und der steigenden Armut zu begegnen?
Wir schützen die Menschen vor Wohnungslosigkeit oder Stromabschaltungen. Wir verteilen Lebensmittel und Gutscheine für Kleidung sowie Haushaltswaren. Sehr erfolgreich sind wir auch im Bereich Jobintegration und zweiter Arbeitsmarkt.

„SONST ZERREISST UNSERE DEMOKRATIE“
Was erwarten Sie sich angesichts der gespannten Situation jetzt von der Politik?
Die Gesundheitskrise darf zu keiner Sozialkrise und zu keiner Bildungskrise werden. Wir brauchen eine Politik, die sich am Gemeinwohl orientiert, sonst zerreißt es unsere Demokratie.

„EIN STRESSTEST FÜR ALLE“
Sind im Bereich Villach coronabedingt neue Problemfelder entstanden – wenn, ja, welche?
Covid-19 ist ein Stresstest für alle Menschen in Villach, besonders aber für die ohnehin Benachteiligten. Die bestehenden Problemfelder haben sich intensiviert: Einsamkeit, Depressionen, Ängste, Hoffnungslosigkeit.

Villach gilt allgemein als sehr soziale Stadt. Orten Sie in dieser Hinsicht in einzelnen Bereichen noch Luft nach oben?
Für viele Menschen ist der Termin in unserer Beratungsstelle oft der einzige soziale Kontakt, den sie haben. Daher müssen die Mittel dafür erhöht werden, damit wir Menschen schnelle und kostenlose Hilfe anbieten können.

„BENÖTIGEN NOCH MEHR LEBENSMITTEL“
Hat sich die Frequenz in der Caritas-Lebensmittelausgabe in den vergangenen Monaten verändert?
Wir sind derzeit mit wöchentlich 250 Menschen vollends ausgelastet und würden gerne die Ausgabezeiten verlängern. Dazu benötigen wir aber ein Mehr an gespendeten Lebensmitteln und zusätzliche freiwillige Helferinnen und Helfer, die uns in der Ausgabe unterstützen.

Was sind derzeit die häufigsten Fragen in der Caritas-Beratungsstelle Villach?
Jobverlust und Sorge um die Zukunft lassen Menschen verzweifeln. Dies überträgt sich auf das Familienleben und führt vermehrt zu Konflikten, Problemen in der Kindererziehung bis hin zu Gewalt in der Familie.

„IMPFUNG FÜR MEHR SOLIDARITÄT“
Inwieweit beschäftigt sich die Caritas mit der Frage der Digitalisierung?
Wir bieten Online- und Chat-Beratung über die Telefonseelsorge an. Die Lerncafés für Kinder haben wir vorübergehend in „Ferncafés“ umgewandelt. Mit Online-Konferenzen arbeiten wir vorübergehend in unseren Projekten in Kenia und Uganda.

Ihr Wunsch für 2021?
Zufriedenheit in unserer Gesellschaft und eine Impfung für mehr Solidarität.

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